Vom 20. bis 24. Juli 2026 trafen sich über 60 Arbeitsforschende aus der Geographie und Nachbardisziplinen für das «Summer Retreat for Labour Theory and Research. Work, Crisis and Transformation in and beyond Europe» in Morschach, einem kleinen Dorf – pittoresk gelegen in den Schweizer Alpen mit Blick auf den Vierwaldstättersee. Ziel war es, Wissenschaftler*innen der interdisziplinären Arbeitsforschung zusammenzubringen und gemeinsam aktuelle theoretische, konzeptionelle und empirische Entwicklungen innerhalb der Arbeitsforschung zu diskutieren.
Für den Arbeitskreis (AK) Labour Geography im deutschsprachigen Forschungskontext war das Retreat ein wichtiger Schritt der internationalen Erweiterung auf die europäische Forschungscommunity und darüber hinaus. Unter den Teilnehmenden befanden sich Wissenschaftler*innen unterschiedlicher Karrierestufen, von Masterstudierenden bis hin zu Professor*innen, inklusive zweier Kinder und ihrer Betreuungspersonen. Obwohl viele der Anwesenden ihre Forschung in der Geographie verorten, richtete sich das Retreat bewusst an Forschende verschiedener Sozialwissenschaften und ermöglichte so einen interdisziplinären Austausch rund um Forschung zu Arbeit aus kritischen, feministischen und politökonomischen Perspektiven.

Abbildung 1: Gruppenfoto. Bild: Christiane Meyer-Habighorst.
Schwerpunkt auf Vernetzung
Gleich zu Beginn erläuterte Karin Schwiter aus dem Organisationsteam in der Willkommensrunde am Montagnachmittag die Ziele des Retreats: neue theoretisch-konzeptionelle Erkenntnisse mitnehmen, bedeutungsvolle Kontakte knüpfen und, last but not least, die Schweizer Berge geniessen. Sie betonte, das Retreat solle ein Ort sein, an dem sich neu hinzugekommene Arbeitsforschende genauso dazugehörig fühlen wie die Doyens der Labour Studies und alle voneinander lernen können. Sie kreierte damit eine inklusive und wertschätzende Grundstimmung, welche die kommenden Tage prägte. Dabei verzichtete das Retreat weitgehend auf traditionelle Vortragformate und stellte das gegenseitige Kennenlernen und die Diskussion aktueller Theorien und Forschungsdesiderate in Kleingruppen in den Fokus.
Soziale Reproduktion als Schlüsselperspektive
Thematisch eröffnete Alessandra Mezzadri, Professorin für Globale Entwicklung und Politische Ökonomie an der SOAS University of London, mit ihrer Keynote das Retreat, indem sie die Potenziale einer global ausgerichteten Arbeitsforschung aus der Perspektive der sozialen Reproduktion aufzeigte. In ihrem Vortrag «Social Reproduction as Method: The Global Garment Chain as a Social Factory» erläuterte Alessandra Mezzadri anhand ihrer Forschung zur indischen Bekleidungsindustrie, wie eine Forschung zu globalen Fabrikregimen an den Lebenszusammenhängen – den Küchen, Schlafstätten und Migrationspraktiken der Arbeiter*innen – ansetzen muss, um die Möglichkeitsbedingungen der entsprechenden Produktionsnetzwerke zu verstehen. Entsprechend plädierte sie für eine Dekolonialisierung der Labour Studies, in der die soziale Reproduktion und «majority world»-Perspektiven den Ausgangspukt darstellen.
Aktuelle Forschungsfelder der Labour Studies: Migration, sozial-ökologische Krise, Digitalisierung, Care, Globale Produktionsnetzwerke und Militarisierung
Als inhaltlicher Auftakt des Sommer Retreats bot die Keynote eine wichtige Grundlage für die nachfolgenden konzeptionellen und empirischen Debatten. Zentrales Instrument hierfür waren sechs thematisch organsierte Streams, in denen die Teilnehmenden in jeweils vier Workshop-Sitzungen aktuelle theoretische, konzeptionelle und empirische Entwicklungen der jeweiligen Themenfelder diskutierten: (1) Labour and migration; (2) Socio-ecologial crisis and labour; (3) Labour and digitalisation; (4) Care work and social reproduction; (5) Global production networks (GPN) und (6) Militarisation and Labour. Dass alle Teilnehmenden an jeweils zwei dieser Streams teilnahmen, ermöglichte nicht nur eine vertiefte thematische Beschäftigung, sondern förderte auch den Austausch zwischen den unterschiedlichen inhaltlichen Themenbereichen. Darüber hinaus bot das Retreat zahlreiche weitere Möglichkeiten für informelle Gespräche – sei es beim Mittagessen auf der Terrasse mit Alpenpanorama, bei einem Spaziergang mit Seeblick oder während der Kaffeepausen im blumengesäumten Innenhof.
Neben den Streams bot das Retreat ein vielfältiges Rahmenprogramm. Zum Beispiel gewährte eine Führung durch den Swiss Holiday Park mit anschliessender Gesprächsrunde Einblicke in Arbeitskontexte und -bedingungen im Schweizer Tourismussektor. Mitte der Woche konnten die Teilnehmenden an einem Nachmittag dann selbst als Tourist*innen die Vorzüge der Schweizer Alpen bei einer spektakulären Gratwanderung oder einem erfrischenden Bad im Vierwaldstättersee geniessen. Nicht zuletzt bot auch das Mentoring-Programm eine wertvolle Gelegenheit zum Austausch zwischen erfahrenen und weniger erfahrenen Forschenden.

Abbildung 2: Austausch in Kleingruppen. Bild: Christiane Meyer-Habighorst.
Schritte zur weiteren Institutionalisierung der Labour Studies
Organisiert wurde das Retreat von einem zehnköpfigen Team aus Mitgliedern des Arbeitskreises Labour Geography aus Berlin, Bern, Bonn, Dublin, Frankfurt, Halle und Zürich: Antonie Schmiz, Barbara Orth, Bettina Engels, Christiane Meyer-Habighorst, Jeremy Auerbach, Karin Schwiter, Michaela Doutch, Oliver Pye, Stephan Liebscher und Yannick Ecker. Finanziert wurde die Veranstaltung von der Universität Zürich durch den Global Champions Fund und die Arbeitsgruppe Labour Geography sowie von der Freien Universität Berlin durch den Fund for Internationalisation.
Für die Labour Studies war das Retreat ein wichtiger Schritt zur weiteren Institutionalisierung des Fachgebiets. So verabredeten sich viele Teilnehmende für zukünftige gemeinsame Denk-, Schreib- und Forschungsprojekte, sowie für Folgetreffen – beispielsweise an der kommenden Jahrestagung des Arbeitskreises Labour Geography vom 10.-12. Februar 2027 in Bonn.

Abbildung 3: Organisationsteam (oben v.l.n.r. Friedrich Trautmann, Michaela Doutch, Barbara Orth, Christiane Meyer-Habighorst, Oliver Pye, Jeremy Auerbach; unten v.l.n.r. Stephan Liebscher, Karin Schwiter, Antonie Schmiz, Yannick Ecker; Bettina Engels fehlt). Bild: Konstantinos Floros.
Christiane Meyer-Habighorst, Yannick Ecker, Karin Schwiter, Stephan Liebscher, Barbara Orth